Viele Trainingsansätze konzentrieren sich darauf, Verhalten zu verändern. Ich gehe einen Schritt früher: Denn nachhaltige Veränderungen beginnen dort, wo wir verstehen, warum ein Hund sich überhaupt so verhält.
Warum beurteilen wir Hunde, ohne ihre Geschichte zu kennen?
Nicht selten folgen gut gemeinte Ratschläge oder Kommentare wie:
„Du hast deinen Hund nicht im Griff.“
„Mit dem solltest du dringend in die Hundeschule.“
Solche Aussagen höre ich immer wieder von Hundehaltern. Gleichzeitig kenne ich sie auch aus meinem eigenen Alltag mit meinen Hunden. Auch mit langjähriger Hundeerfahrung und einer fundierten Ausbildung gibt es Situationen, in denen meine Hunde noch lernen dürfen. Und genau das ist völlig in Ordnung.
Trotzdem begegnet mir immer wieder die Erwartung, dass Hunde jederzeit funktionieren und sich in jeder Situation perfekt verhalten sollten. Ich finde das schade.
Menschen dürfen ihr ganzes Leben lernen. Warum erwarten wir von Hunden, dass sie von Anfang an alles richtig machen?
Dabei vergessen wir häufig, dass unsere Hunde sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die wir Menschen für sie geschaffen haben. Wir erwarten von ihnen, dass sie unsere Regeln verstehen, sich unserem Alltag anpassen und in den unterschiedlichsten Situationen angemessen reagieren. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, einen Moment innezuhalten, bevor wir einen Hund beurteilen. Denn wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt – nicht aber die Geschichte, die hinter ihm und seinem Verhalten steht.
Hunde brauchen nicht Perfektion – sie brauchen die Chance zu lernen
Im Laufe der Jahre durfte ich mein Leben mit ganz unterschiedlichen Hunden teilen. Trotz gleicher Rasse hatte jeder seine eigene Geschichte. Und dennoch war jeder von ihnen auf seine ganz eigene Weise genau richtig für mich.
Jeder Hund brachte seine eigene Persönlichkeit, seine eigenen Stärken und seine ganz eigenen Themen mit. Und genau das hat mich immer wieder darin bestätigt, dass es nicht darum geht, einen perfekten Hund zu haben. Es geht darum, ihn zu verstehen und gemeinsam einen Weg zu finden, die Herausforderungen des Lebens als Team zu meistern.
Jeder meiner Hunde hat mich auf seine ganz eigene Weise bereichert. Nicht nur, weil ich ihn beim Lernen begleiten durfte, sondern auch, weil er Eigenschaften und Verhaltensweisen mitbrachte, von denen ich mir selbst gerne eine Scheibe abschneide.
Ich wünsche mir, dass wir unseren Hunden die Chance geben, ihr Leben lang zu lernen – genauso selbstverständlich, wie wir sie uns selbst zugestehen. Denn Lernen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein ganz natürlicher Teil der Entwicklung – für uns genauso wie für unsere Hunde.
Verstehen verändert den Blickwinkel
Wenn wir den Blickwinkel verändern und Verhalten nicht mehr vorschnell bewerten, sondern verstehen wollen, verändert sich oft auch unser Umgang mit dem Hund. Plötzlich sehen wir nicht mehr nur das Verhalten selbst, sondern den Hund dahinter – mit seiner Persönlichkeit, seinen Erfahrungen und seinen Bedürfnissen.
Deshalb ist für mich gar nicht die wichtigste Frage, wie wir ein Verhalten möglichst schnell verändern können. Viel wichtiger ist die Frage:
Was braucht mein Hund gerade von mir?
Warum zeigt er dieses Verhalten?
Denn durch Verständnis schaffen wir den ersten Schritt zu einem vertrauensvollen und nachhaltigen Mensch-Hund-Team, das gemeinsam weiterwachsen darf.
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